Das Paradox der steigenden Impressionen
Viele Website-Betreiber beobachten seit Mitte 2025 das gleiche Phänomen: Die Impressionen in der Search Console steigen, manchmal sogar deutlich, während die Klicks gleichzeitig stagnieren oder fallen. Das ist kein Zufall und kein Messfehler.
Daten des Analyseunternehmens BrightEdge belegen, dass die gesamten Suchklicks im Jahresvergleich um 30 Prozent gesunken sind, obwohl die Impressions gleichzeitig um 49 Prozent stiegen. Der Grund liegt in der Funktionsweise von AI Overviews. Google spielt Inhalte als Quellenangabe innerhalb einer KI-Antwort aus, was als Impression zählt, aber keinen Klick erzeugt.
Noch präziser zeigt es die SISTRIX-Analyse: Die durchschnittliche Klickrate des ersten organischen Links bei Google sinkt von 27 auf 11 Prozent, wenn ein AI Overview ausgespielt wird – ein Rückgang von 60 Prozent. Für alle nachfolgenden Positionen ist der Effekt entsprechend gravierender.
Das bedeutet für Ihre Analyse, dass Impressionen allein heute weniger aussagen als früher. Eine steigende Impression-Kurve bei sinkenden Klicks ist kein Erfolg, sondern ein Warnsignal, das auf zunehmende KI-Kannibalisierung hinweist.
Was die Search Console jetzt neu kann und was noch fehlt
Google hat auf diese Messlücke reagiert. Seit dem 3. Juni 2026 gibt es in der Google Search Console einen eigenen Bericht für KI-Impressionen, der erstmals echte Messdaten dazu zeigt, wie oft eine Website in Google AI Overviews oder AI Mode erscheint.
Der neue „Leistungsbericht zu generativer KI" ist ein wichtiger Schritt. Er liefert eine separate Ansicht auf die Sichtbarkeit in KI-Funktionen der Google Suche, aufgeschlüsselt nach Seiten, Ländern, Geräten und Zeitverlauf – mit Daten ab dem 18. Mai 2026. Für Entscheider bedeutet das, dass sie direkt in der gewohnten Oberfläche ablesen können, welche Seiten einer Website in KI-Antworten auftauchen, ohne auf externe Tools angewiesen zu sein.
Allerdings hat der neue Report eine entscheidende Lücke, denn er zeigt ausschließlich Impressionen – keine Klickdaten. Wer verstehen will, auf welche Nutzerfragen seine Seite erscheint, bekommt heute noch keine Antwort. Google hat angekündigt, weitere Metriken nachzuliefern, einen konkreten Zeitplan gibt es bislang aber nicht.
Für die Praxis bedeutet dies, dass der neue KI-Bericht ein nützliches Diagnoseinstrument ist, aber noch kein vollständiges Steuerungsinstrument. Er zeigt Ihnen, ob Sie sichtbar sind, aber nicht, ob diese Sichtbarkeit tatsächlich Besucher bringt.
Hinweis für DACH-Unternehmen: Der Rollout des neuen Berichts startete zunächst für eine Testgruppe britischer Websites. Größere Domains in Deutschland erhalten bereits Zugang; kleinere Websites müssen noch etwas warten. Es lohnt sich, die Search Console regelmäßig zu prüfen.
CTR als Leitmetrik: zuverlässig oder irreführend?
Die Klickrate (CTR) gilt traditionell als eine der wichtigsten Metriken in der Search Console. Im KI-Zeitalter muss man bei ihrer Interpretation allerdings genauer hinschauen.
Seer Interactive hat zwischen Juni 2024 und September 2025 rund 3.100 informationsgetriebene Suchanfragen quer über 42 Organisationen ausgewertet – insgesamt 25,1 Millionen organische Impressionen. Das Ergebnis: Bei Suchanfragen, bei denen ein AI Overview erscheint, sank die organische CTR von 1,76 Prozent auf 0,61 Prozent – ein Rückgang von 61 Prozent. Dabei verbesserten sich die durchschnittlichen Ranking-Positionen im gleichen Zeitraum. Wenn also Ihre CTR sinkt, obwohl Ihre Rankings gleich geblieben oder besser geworden sind, liegt das Problem nicht an Ihrer Position, sondern an der SERP-Struktur um Sie herum.
Es gibt jedoch eine bedeutsame Ausnahme: Markenbezogene Suchanfragen zeigen ein klar anderes Bild. Laut einer Amsive-Studie (2025), die 700.000 Keywords auswertete, liegt die CTR bei Marken-Anfragen mit AI Overview sogar 18,68 Prozent höher als ohne. Der Grund ist nachvollziehbar: Wer gezielt nach einer Marke sucht, lässt sich durch eine KI-Zusammenfassung nicht ablenken, er will zur Website. Das spricht eine klare strategische Sprache: Starke Marken sind resilienter gegenüber dem CTR-Verfall durch KI-Antworten.
Daher sollten Sie Ihre Search-Console-Daten konsequent nach Suchintention segmentieren. Eine fallende Gesamt-CTR kann bei Informations-Keywords strukturell bedingt und kaum zu verhindern sei; bei markenbezogenen Anfragen ist sie ein ernstes Warnsignal.
GA4: Der blinde Fleck im Akquisitionsbericht
Google Analytics 4 (GA4) hatte lange ein strukturelles Problem. KI-Traffic aus ChatGPT, Perplexity oder Gemini verschwand in den Kategorien „Direct" oder „Referral" – unsichtbar für jeden, der nicht gezielt danach suchte.
Am 13. Mai 2026 hat Google einen nativen „AI Assistant"-Kanal in die Standard-Kanalgruppe von GA4 integriert. Wenn eine eingehende Sitzung einen Referrer hat, der einer erkannten KI-Domain entspricht, wird sie automatisch mit dem Medium „ai-assistant" versehen und dem neuen Kanal zugeordnet.
Das ist eine wichtige Neuerung, aber mit zwei Einschränkungen: Erstens erkennt der native Kanal laut Googles offizieller Liste nur ChatGPT, Gemini und Claude – Besuche von Perplexity und Microsoft Copilot werden weiterhin unter „Referral" einsortiert. Zweitens gibt es kein Backfill, das heißt, GA4 verarbeitet Daten nur vorwärts, historische KI-Traffic-Daten vor dem 13. Mai 2026 lassen sich nachträglich nicht rekonstruieren.
Hinzu kommt ein strukturelles Messproblem: Klickt jemand in der ChatGPT-App auf dem iPhone oder einem Android-Gerät auf einen Link, blockiert das Betriebssystem meist die Herkunftsinformationen. Der Referrer-Header wird abgeschnitten, und Google Analytics sieht nur einen Besucher ohne erkennbare Quelle – dieser landet dann in der Kategorie „Direct". Die reale Zahl der Besucher durch KI liegt in der Praxis vermutlich deutlich höher als die messbaren Werte.
Die Empfehlung für Ihr Tracking-Setup lautet daher: Nutzen Sie den nativen AI-Assistant-Kanal als Basisindikator, ergänzen Sie ihn aber durch eine manuelle Custom-Channel-Group, die zusätzlich Perplexity, Copilot und weitere Quellen erfasst. So entstehen deutlich vollständigere Daten.
Warum KI-Traffic eine eigene Analyse verdient
Die Zahlen sprechen für sich. KI-Traffic konvertiert mit 15,9 Prozent – verglichen mit 1,76 Prozent für klassischen Google-organischen-Traffic. Besucher aus KI-Tools verbringen zudem 68 Prozent mehr Zeit auf Websites als durchschnittliche Suchmaschinennutzer.
Das ist kein Nebeneffekt, sondern eine strategische Information. KI-Nutzer kommen mit einem anderen Informationsstand auf Ihre Website, da das KI-System ihnen bereits erklärt hat, was Sie anbieten und warum das relevant ist. Die Nutzer landen nicht kalt auf einer Seite, sondern bereits qualifiziert. Für B2B-Unternehmen ist das besonders relevant, denn zeigen Claude und Perplexity überproportional lange und bedachtere Sitzungen, da diese Tools bei komplexen Rechercheanfragen bevorzugt genutzt werden.
Wer diesen Kanal nicht separat auswertet, vermengt qualitativ sehr unterschiedliche Besuchergruppen und verliert wertvolle strategische Signale.
Impressions vs. Non-AI-Impressions: Die unterschätzte Differenzrechnung
Der neue KI-Bericht in der Search Console liefert eine Kenngröße, die für die strategische Steuerung besonders wertvoll ist: die Möglichkeit, AI-Impressions von klassischen organischen Impressions zu trennen.
Die Formel lautet: Non-AI-Impressions ≈ Search-Impressions minus AI-Impressions. Damit lässt sich herausfinden, welche URLs in KI-Antworten häufig erscheinen und dadurch Klicks verlieren, und welche Seiten bislang noch wenig KI-Präsenz haben, also noch mehr klassische Klicks bringen.
Dieser Vergleich ist ein effektives Diagnosewerkzeug: Seiten mit hohen AI-Impressions und niedrigen Klicks sind Kandidaten für eine Überprüfung der Content-Tiefe und GEO-Optimierung. Seiten mit niedrigen AI-Impressions trotz guter Rankings haben möglicherweise Potenzial, als KI-Quelle herangezogen zu werden.
Das neue Kennzahlen-Dashboard für Entscheider
Angesichts dieser Veränderungen brauchen Entscheider ein erweitertes Metriken-Set. Folgende Kennzahlen sollten 2026 Teil jedes regelmäßigen SEO-Reportings sein:
In der Google Search Console: Impressions aus klassischer Suche und aus KI-Funktionen getrennt betrachten, sobald der neue Bericht verfügbar ist. CTR segmentiert nach Suchintention (informational vs. navigational vs. transaktional). Klick-Entwicklung bei markenbezogenen Anfragen als Frühindikator für „Markengesundheit“.
In Google Analytics 4: AI-Assistant-Kanal als eigenständige Akquisitionsquelle mit eigener Conversion-Betrachtung. Vergleich von Engagement-Rate und Sitzungsdauer zwischen KI-Traffic und organischem Google-Traffic. Landingpage-Analyse für KI-referenzierte Seiten, welche Inhalte werden zitiert?
Ergänzend durch externe Tools: Für die Frage, ob eine Marke in KI-Antworten überhaupt erwähnt wird – auch ohne Klick –, reichen Search Console und GA4 allein nicht aus. Tools wie Semrush AI Visibility Toolkit, Otterly.ai oder Peec AI erfassen Markenerwähnungen in KI-Systemen auch dann, wenn kein Traffic-Klick entsteht. Dieser Aspekt ist für die Markenwahrnehmung relevant, auch wenn er sich im Analytics-Dashboard nicht direkt niederschlägt.
Worauf man sich weiter verlassen kann
Nicht alle klassischen Metriken verlieren an Aussagekraft. Einige bleiben zuverlässig oder gewinnen sogar an Bedeutung:
Branded Search-Volumen ist ein robuster Indikator für Markenbekanntheit und direktes Interesse – weitgehend unabhängig von KI-Überformungen. Ein Rückgang hier ist aussagekräftiger als ein Rückgang bei informativen Anfragen.
Conversion-Daten aus GA4 bleiben valide, solange das Tracking korrekt konfiguriert ist. Wichtig ist die Trennung nach Kanal: Ein Rückgang der Gesamt-Conversions kann durch sinkenden KI-Traffic bei gleichzeitig stabilen oder steigenden Conversions aus direktem Traffic maskiert werden.
Engagement-Rate und Sitzungsdauer liefern nach wie vor wertvolle Signale über die Inhaltsqualität, müssen aber ebenfalls nach Kanal segmentiert werden.
Direkter Traffic verdient mehr Aufmerksamkeit als früher: Da ein Teil des KI-Traffics aus mobilen Apps nicht als solcher erkannt wird, enthält der Direktkanal in GA4 systematisch mehr KI-referenzierte Besuche als ausgewiesen. Ein steigender Direktanteil kann – zusammen mit einem steigenden Branded-Suchvolumen – ein Indiz für wachsende Markenbekanntheit sein.
Messen, was wirklich zählt
Die Analysewerkzeuge haben die Veränderungen in der Suche noch nicht vollständig eingeholt. Google Search Console und GA4 liefern heute deutlich mehr Kontext als noch vor zwölf Monaten, aber noch kein vollständiges Bild.
Entscheider, die klassische Metriken unverändert weiternutzen, riskieren Fehlinterpretationen. Wer versteht, wie KI-Antworten, Zero-Click-Suchen und neue Kanalattributionen die Daten verzerren, kann gegensteuern und aus denselben Zahlen bessere Entscheidungen ableiten.
Der entscheidende Perspektivwechsel lautet: Traffic ist nicht mehr das einzige Maß für Sichtbarkeit. Zitierungen in KI-Antworten, Markenerwähnungen ohne Klick, Conversion-Qualität nach Kanal sind die Metriken, die das vollständige Bild ergeben.
Möchten Sie wissen, wie Ihr aktuelles Reporting-Setup aufgestellt ist und welche Metriken für Ihre spezifische Situation am aussagekräftigsten sind? Das Team der SEO AG analysiert Ihre Search Console- und GA4-Daten und gibt Ihnen konkrete Handlungsempfehlungen.
